RECYCLING MEDEA

A film by Asteris Kutulas
Music by Mikis Theodorakis
Choreography by Renato Zanella
cfp award
 

Zur Musik

Mikis Theodorakis
Einige Worte zu meiner MEDEA-Oper

Mit Kompositionen für antikes Drama beschäftige ich mich seit 1960, als ich die Musik zu Euripides’ “Phönizierinnen“ schrieb. Von da an hatte ich den Traum, nicht nur die Chorteile, sondern irgendwann den Text einer Tragödie in voller Länge zu vertonen. So war es ja auch in der Antike üblich gewesen. Bevor ich das allerdings wagen konnte, musste ich mein musikalisches “Instrumentarium“ erproben. Deshalb beschloss ich 1984, meine erste Oper auf der Grundlage eines eigenen Librettos zu komponieren: “KOSTAS KARYOTAKIS. Die Metamorphosen des Dionysos”. Der Entstehungszeitpunkt dieses Werks war somit auch der Zeitpunkt des Beginns meines Opernschaffens.
Etwas später beauftragte mich die Direktion der Arena di Verona, ein sinfonisches Ballett auf der Grundlage des musikalisch-thematischen Materials einiger meiner Lieder und meiner ZORBAS-Filmmusik zu komponieren. Ich schrieb daraufhin die Musik für das ZORBAS-BALLETT, das in der Arena di Verona 1988 und 1990 aufgeführt wurde.
Im ersten Jahr, 1988, standen auf dem Spielplan der Arena auch die Opern AIDA von Verdi und TURANDOT von Puccini. Ich verstand mich bis dahin als Sinfoniker und hatte darum die Kraft und Schönheit der Oper innerlich völlig verdrängt. Jetzt aber – wenn auch reichlich spät und deswegen von Gewissensbissen geplagt – erklärte ich nach der Premiere des ZORBAS-Balletts, dass ich mich von nun an ausschließlich mit dem Operngenre beschäftigen werde und dass ich eine MEDEA, Verdi gewidmet, eine ELEKTRA, Puccini gewidmet, und eine HEKABE, Bellini gewidmet, komponieren würde.
Zwei Jahre arbeitete ich ausschließlich an der MEDEA-Oper. Ich übersetzte Euripides’ Stück ins Neugriechische und nahm dabei einige leichte Änderungen vor. Ich führte neben dem Frauenchor auch einen Männerchor ein, um einen vierstimmigen gemischten Chor zur Verfügung zu haben.
Ich versuchte, so viel wie möglich von meinen Fähigkeiten als Melodiker in dieses Werk einfließen zu lassen, um Euripides bei seiner tiefgehenden Analyse der menschlichen Seele zur Seite stehen zu können. All das spielte eine Rolle bei meiner Annäherung an MEDEA.

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Mikis Theodorakis
Zum Film “Recycling Medea” von Asteris Kutulas

Das tragische Element in der Musik hat mich von Anfang an stärker in seinen Bann gezogen als jedes andere. Zweifellos entspricht es meinem Charakter. Es war also nur zu natürlich, dass ich mich dem antiken Drama zugewendet habe, zuerst als ein Liebhaber dieser Kunstgattung, dann als Komponist. Ich begann, Theater- und Filmmusik zu antiken Tragödien zu schreiben, um letztendlich zur Lyrischen Tragödie, also zu meinen Opern, zu kommen.
Renato Zanella entdeckte für sich die Musik meiner Lyrischen Tragödie “Medea”, und sie wurde die Basis seiner gleichnamigen Ballett-Choreographie. Und dann kommt Asteris Kutulas und erschafft ein neues Kunstwerk, das sich seinerseits auf alles soeben von mir Genannte stützt. Aber er filmt das Ballett nicht einfach ab, sondern er kreiert etwas vollkommen Neues und verleiht dem Ganzen dadurch eine zutiefst gesellschaftliche und politische Dimension.
Er macht einen Film, der eine ganz aktuelle Botschaft beinhaltet: Trotz der Tragödie, in die Griechenland vom verbrecherischen internationalen ökonomischen System hinein manövriert wurde, steht das Land, obwohl tief verwundet, noch aufrecht. Die Medea des Euripides schreit – im Tanz ausgedrückt durch Maria Kousouni und gesanglich interpretiert durch die Stimme von Emilia Titarenko –, weil sie durch den Verrat an ihr zum furchtbarsten Verbrechen getrieben wird, das es geben kann: zum Abschlachten der eigenen Kinder.
Das heutige Griechenland schreit infernalisch auf den Plätzen und in den Straßen, weil es – Opfer der verantwortungslos Handelnden im eigenen Land und derer, die von außen Griechenland angreifen – ebenfalls zum furchtbarsten Verbrechen getrieben wird: die Zukunft seiner eigenen Kinder zu töten.
Ich denke, wir haben es hier mit einem wahren Kunstwerk zu tun, das dazu auffordert, Verantwortung zu übernehmen. Ein Werk, das zugleich eine Hymne ist für den Kampf der Menschen und Völker für deren Unabhängigkeit und Freiheit.

Athen, 7.6.2013

 
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    foto © Stefanos Kyriakopoulos